Über Abfall und dreckige Wäsche

Es ist wieder an der Zeit, um rauszugehen. Meine letzten Tage: Drinnen in der Wohnung. Von der Wohnung auf die Terrasse, von der Terrasse zurück in die Wohnung, zurück auf die Terrasse. Dann wieder in die Wohnung. Heute kann ich raus, denn ich habe wieder einen zwingenden Grund: Abfall entsorgen.

Treppe runter – war die schon immer so lang?
Unten angekommen schlägt mir die kühle Luft ins Gesicht: Hallo Welt! Hallo frische Luft!

Ich nehme den direkten Weg zum Abfallsackentsorgungskasten, zur Abfallentsorgungsstation, zum Riesenabfallkübel. Oder wie der auch immer heisst. Habe mir den genauen Namen noch nie wirklich überlegt. Nowadays habe ich viel mehr Zeit, mir Dinge zu überlegen, Gedanken nachzuhängen, die ich normalerweise schnell wieder aus meinem Kopf dränge, für die ich eigentlich keine Zeit habe. Jetzt ist alles langsamer, ich kann mich plötzlich auf “unwichtigere” Dinge konzentrieren.
Abfallsammelstelle? Abfallcontainer? Container. Das ist das Wort, welches ich eigentlich gebrauche. Container ? ist das eigentlich ein französisches Wort? Das wir auf deutsch einfach ganz grässlich falsch aussprechen?

Abfall entsorgen ist etwas, das ich diese Tage gerne mache. Es ist ein Grund, um nach draussen zu gehen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Und es fühlt sich wie eine normale, ausserwohnliche Tätigkeit an. Eine, welche ich vor dem Ausbruch des Virus’ schon getan habe. Und ich eigentlich gar nicht mochte. Aber es musste halt getan werden. Was ich jetzt daran mag: Ich muss raus gehen, um es zu erledigen. Yay! Und es ist etwas, das ich in meinem früheren, normalen Alltag schon gemacht habe. Eine Aktivität, welche das Virus nicht lahmlegen konnte. Ansonsten habe ich das Gefühl, alles, was sich draussen abspielt, hat sich verändert. Alles. Denn es spielt sich gar nichts mehr draussen ab. Winterthur ist eine Geisterstadt geworden. Früher hätte ich auf die Frage hin, was ich gerne unternehme, geantwortet: Fussball spielen, Konzerte besuchen, Freund*innen treffen. Heute ist es: Abfall entsorgen.

Einen grossen Umweg nehmend spaziere ich nach Hause. Es ist fast kein Mensch auf der Strasse. Das ist ja eigentlich top. Vorbildlich. Solidarisch. Verantwortungsvoll. Aber das ist nicht meine Stadt! Meine Stadt lebt. In meiner Stadt treffe ich Menschen, welche ich kenne, zufällig an, verliere mich auf dem Nachhauseweg in Gesprächen, gehe noch auf ein Bier anstatt nach Hause, um mich endlich meinem immer viel zu grossen Wäscheturm zu widmen. Bin, an diesen verheissungsvollen, typischen Winti – Abenden plötzlich erst um 2 Uhr früh Zuhause, obwohl ich am nächsten Tag schon wieder um 7 Uhr aus dem Haus muss, und bin dann völlig zerstört, verfluche mich, kämpfe mich durch den Folgetag, nerve ich mich, wie ich schon wieder so kurzfristig denken konnte und viel zu spät im Bett landete. Gleichzeitig aber spüre ich tiefe Zufriedenheit, weil ich einmal mehr einen unerwartet grossartigen, spassigen Abend hatte. Das ist Winti. Das macht mich glücklich.
Jetzt aber ist mein Wäschesack nicht mehr überfüllt. Ich vermisse meinen vollen Wäschesack. Alles ist anders. Denn jetzt ist niemand mehr auf der Strasse, welchem/r ich spontan über den Weg laufen könnte. Mein Hobby ist jetzt, meine Wäsche zeitgerecht zu waschen. Mein Leben könnte bünzliger nicht sein.

Was ein Scheiss. Ich vermisse mein Winti.

Zuhause steige ich die plötzlich viel länger gewordene Treppe hinauf. Mit Stirnrunzeln betrete ich mein Zuhause. Ich bin verärgert. Über die ganze Situation. Pandemien gehören in Bücher von Camus oder in Science Fiction Serien. Nicht nach Winti.
Ich bin also wieder in meiner Wohnung, die ich eigentlich sehr, sehr toll finde. Die mich aber im jetzigen Moment nervt. Alles nervt.
Immerhin ist meine ganze WG nun immer Zuhause. Wir haben jetzt mehr Leben, mehr Lachen, mehr Gespräche in unserer Wohnung als dass es draussen auf der Strasse gibt. Als mir ein 3-faches “Hallo” beim Betreten der WG entgegenhallt, muss ich schmunzeln. Vorher waren wir selten alle hier. Jetzt sind wir wie eine Familie. Ich habe mir vorgenommen, mich auf die kleinen, erfreulichen Dinge zu konzentrieren, darauf, wofür ich dankbar bin. Und ich merke: Vielleicht ist heute trotzdem nicht so ein schlechter Tag. Denn ich habe eine tolle WG und: Heute war ich draussen.