Bin heute mit Gerda auf dem Bankerl gesessen

Gerda ist über 80 und ich bin 60. Du bist ja noch jung, sagt sie zuweilen zu mir. Sie ist die einzige, die das zu mir sagt. Ich wollte Gerda Bücher bringen, sie ins Milchkästchen legen. Und da fragte sie mich, ob ich nicht Zeit hätte für eine kleine Runde dem Weiher zu, mit Abstand halten natürlich. Ich sagte gerne ja und sah sie schon von weitem. Sie stand im Weg und hob die Arme hoch. Wir freuten uns beide sehr, sind wir doch Kulturmenschen, die nun alles vermissen. Sie ist Schauspielerin und vermisst vor allem das Theater.  Ich dagegen vermisse alles, was mit Literatur zusammenhängt. Vor allem die Lesungen. Auch diejenigen natürlich, die ich selber hätte halten dürfen. Aber auch die Buchvernissagen meiner Freunde. Sie fallen alle dem Notstand zum Opfer.
Ich stellte das Fahrrad ab und setzte mich ans Ende der Bank, Gerda ans andere Ende. Es waren sicher 1.5 Meter zwischen uns. Es ging ein kalter Wind. Gut für die Menschen, dann fällt es ihnen leichter, drinnen zu bleiben, dachte ich.
Gerda sagte, weisst du, wir sprechen tagsüber so wenig, ich weiss gar nicht mehr, wie sich meine Stimme anhört.
Sie hört sich gut an, wollte ich sagen, aber es passte nicht. Wir sprachen über dies und jenes, nichts Wichtiges, wichtig war nur unser zusammen auf dem Bankerl sitzen. Ich brauche dieses Wort, weil mir Gerda danach geschrieben hat, wie schön es gewesen sei auf dem Bankerl. Wir haben uns bald wieder getrennt, es war einfach zu kalt, um länger draussen zu sitzen.
Das machen wir wieder, nicht wahr, fragte Gerda und ich sagte, gerne, das ist eine schöne Idee. Wir nickten einander nochmals zu, ehe jede wieder in ihre eigene Quarantäne zurückging.

Ruth Loosli, März 2020