Bauchgefühl einer Mathematikerin

Das erste Mal meldet sich mein Bauchgefühl am 26. Februar. Irgendetwas stimmt nicht. Zwei Tage später beschliesst der Bundesrat ein Verbot von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen. Fasnacht ist abgesagt. Nicht nur in Basel, auch in Winterthur. Beim Apéro dürfen wir keine Hände schütteln und sollen Abstand halten. Anstossen statt Händeschütteln funktioniert, Abstandhalten nicht.

Ich fange an zu recherchieren, lese queerbeet im Internet, auch wissenschaftliche Veröffentlichungen. Ich verstehe nicht alles, lerne neue Begriffe: Wuhan, Contact Tracing, Basisreproduktionszahl, Haplotyp, Selbstisolation, Risikogruppen.

Es gibt viele Daten, mein Metier. Am Anfang wird in der Schweiz jeder Einzelfall gemeldet, bislang 8 Fälle. Nach einer Woche sind es über 80, zehn Mal so viele, eine Woche später über 800. Exponentielles Wachstum, das verstehe ich. Das ist schnell. Und wird immer schneller. Wie viele Spitalbetten gibt es eigentlich in der Schweiz?

Die Massnahmen verschärfen sich. Wegen der Inkubationszeit dauert es einige Tage, bis sich die Massnahmen auf die Fallzahlen auswirken. Würden wir anders handeln, wenn wir wüssten, wie viele Personen bereits infiziert sind und in den nächsten Tagen zu “bestätigten Fällen” werden? Oder gar zu Todesfällen?

Im Hinterkopf habe ich den Klimawandel: Auch da gibt es eine zeitliche Verzögerung zwischen Massnahmen und Wirkung. Statt einiger Tage sind es allerdings Jahrzehnte. Wie sollen wir begreifen, dass wir jetzt handeln müssen, um die Auswirkungen in zehn oder mehr Jahren zu beeinflussen? Wenn wir schon mit einer zeitlichen Verzögerung von einigen Tagen überfordert sind?

Das dumpfe Gefühl im Bauch kommt immer mal wieder. Wie geht es weiter? Und wie kommen wir da wieder raus? Die Fallzahlen nehmen nicht mehr ganz so stark zu. Oder liegt das nur am Meldesystem?