Gestern war ein ganz normaler Tag

Gestern war ein ganz normaler Tag.
Gestern war ein ganz normaler Tag in Zeiten des Coronavirus?.

Ich ging raus.
Ich ging zum ersten Mal nach drei Tagen raus.

Ich nahm die Sonne und gleichzeitig die Kälte auf meinem Gesicht wahr.
Ich nahm die Sonne und gleichzeitig die Kälte auf meinem Gesicht wahr – früher hatte ich nicht gross Zeit, mich auf so etwas zu konzentrieren.

Zuerst entsorgte ich den Abfall.
Zuerst entsorgte ich den Abfall ? auf dem Weg zur Entsorgungsstation traf ich keinen anderen Menschen an.

Zwei meiner Mitbewohner und ich gingen für das Nachtessen im Coop einkaufen.
Zwei meiner Mitbewohner und ich gingen für das Nachtessen im Coop einkaufen und mussten auf dem Weg dahin 2m Abstand zwischen uns halten, obwohl wir kurz vorher noch nebeneinander auf dem Sofa sassen.

Danach fuhr ich mit dem Velo entlang von Hauptstrassen zum Haus meiner Freundin.
Danach fuhr ich mit dem Velo entlang von Hauptstrassen an der frischen Luft zum Haus meiner Freundin ? alles ausserhalb meiner Wohnung gilt jetzt als frische Luft.

Ich legte ihr ein silbriges Geburtstagspartyhütchen in den Briefkasten.
Ich legte ihr ein silbriges Geburtstagspartyhütchen in den Briefkasten, weil sie wegen der geschlossenen Läden keins mehr auftreiben konnte für ihre bald 2-jährige Nichte.

Meine Freundin sah ich nicht.
Meine Freundin sah ich nicht, obwohl sie da war, obwohl ich da war.

Ich setzte mich wieder aufs Velo und fuhr nach Hause.
Ich setzte mich wieder aufs Velo und fuhr, nachdem ich ihre schwere Holztür, die Fussmatte und ihre Hauswand ein wenig länger als nötig angestarrt hatte, nach Hause.

Winti fühlte sich fremd an.
Winti fühlte sich fremd an, und das seit beinahe 2 Wochen.

Auf dem Nachhauseweg traf ich niemanden an, den/die ich kenne.
Auf dem Nachhauseweg traf ich niemanden an, den/die ich kenne, und nicht weil ich meine Kapuze ins Gesicht gezogen und Kopfhörer aufgesetzt hatte.

Mein Abendprogramm bestand aus Kochen, Film schauen, mit Freund*innen chatten.
Mein Abendprogramm bestand aus Kochen, Film schauen, mit Freund*innen chatten, denn Fussball ist passé, Konzerte sind abgesagt, Cafés zu, Treffen untersagt, Läden geschlossen.

Ich verbrachte einen ruhigen Abend zuhause.
Ich verbrachte einen ruhigen Abend zuhause, wie ich das jetzt jeden Abend mache, weil ich muss.

Gestern war ein ganz normaler Tag.
Gestern war ein ganz normaler Tag.

Nur ist eben alles anders.