Gedanken zum Virus, Januar bis heute

Den ersten Bericht über das Virus lese ich im Januar. Ich schenke ihm nicht viel Beachtung, ist ja bloss ein Artikel über eine neue Krankheit, das gibt es ja oft, denke ich mir.

Im Februar werden die Berichte immer häufiger, man kann schon fast täglich etwas darüber lesen. Auch da mache ich mir keine Gedanken darüber, diese Krankheit ist ja ähnlich wie eine Grippe, habe ich das Gefühl.

Am Dienstag, dem 25. Februar dann der erste bestätigte Fall in der Schweiz, die Einschätzung des Bundesamtes für Gesunheit: moderates Risiko für die Schweiz. Die erste Medienmitteilung erfolgt noch am selben Tag, mir fallen vermehrt Plakate zum richtigen Händewaschen auf. Ich überlege mir: Ist das wirklich nötig?

Zwei Tage später lanciert das BAG eine neue Informationskampagne gegen das Virus: “So schützen wir uns”. Unterdessen ist die Zahl der Fälle auf 5 angestiegen, in den Gratismedien scheint Panik zu herrschen, wird mir erzählt. Auch in meinem Freundeskreis wird täglich darüber gesprochen, es fallen viele Scherze. Meine Gedanken: Irgendwie ganz spannend! Wie es sich wohl entwickeln wird?

Einen Tag später, am Freitag, folgt die nächste Medienmitteilung des Bundes: grosse Veranstaltungen werden verboten. Grosse Enttäuschung in meinem Freundeskreis, wir haben uns alle auf ein Konzert heute Abend gefreut. Stattdessen gibts nun einfach eine Homeparty. Wir alle finden: Ist doch total übertrieben, was der Bundesrat da beschlossen hat!

In der ersten Märzwoche ergänzt das BAG seine Hygieneregeln um weitere drei Punkte, das Infoblatt erscheint nun in grellem Rot. Der erste Todesfall wird gemeldet. Ich treffe meine Freunde weiterhin und besuche zwei Konzerte, versuche dabei aber, die neuen Regeln einzuhalten. Unterdessen muss man seine Daten angeben, wenn man irgendwo rein will. Ich denke: Macht Sinn, falls ich mich anstecken würde. Würde mir aber nichts ausmachen. Ein bisschen verunsichert bin ich aber schon.

Es ist jetzt Freitag, der 13. März. Die Fallzahlen steigen. Seit den neuen Regeln merke ich, wie die Leute versuchen, Abstand zu halten. Durch das blendend schöne Frühlingswetter scheint es aber vielen schwer zu fallen, mir inbegriffen. Ich freue mich auf das Konzert heute Abend und hoffe, der Bundesrat wird in der Medienmitteilung nichts mitteilen, was meine Pläne ein weiteres Mal durcheinanderbringt. Leider falsch gehofft: Veranstaltungen mit über 100 Personen sind verboten, in Clubs und Bars sind nur noch 50 Leute erlaubt. Die Schulen werden geschlossen. Ich werde das ganze Semester Zuhause bestreiten müssen und meinen Job als Vikarin verlieren. Es ist das Thema des Abends, überall wird nur noch davon geredet. Habe ich das Ausmass unterschätzt?

Am Montag treffe ich eine gute Freundin. Wir wissen, dass bald erneut eine Medienkonferenz stattfinden wird und befürchten, dass alle Läden ausser den lebensnotwendigen geschlossen werden. Deshalb machen wir noch einige kleine Einkäufe und trinken unseren vermutlich für eine längere Zeit letzten Kaffee in einem Restaurant. Wir wissen beide, dass wir die sozialen Kontakte nicht für uns, sondern für andere eingrenzen müssen und versuchen auch, sie einzuschränken, so weit es geht. Aber es fällt uns beiden sichtlich schwer. Nach der Medienkonferenz wird klar: es war wirklich für eine längere Zeit die letzte Gelegenheit, zusammen etwas zu trinken. Nur noch die nötigsten Läden sollen offen bleiben, alles andere darf nicht mehr geöffnet bleiben. Ich will unbedingt noch ein letztes Mal in die Boulderhalle, wo ich jeden zweiten Tag anzutreffen bin. Alle sind traurig, dass nun eine unbestimmte Zeit nicht gebouldert werden kann. Doch uns wird beim Blick nach Italien klar, dass dies nun nötig ist, auch wenn dies unser System durchrütteln wird. Wir hoffen, dass die Betten der Intensivstationen ausreichen werden. Wir fragen uns: Was, wenn nicht?

In dieser Woche fällt es mir schwer, mich auf das Studium zu konzentrieren. Jeder Dozent schickt die Infos auf eine andere Art, alles ist sehr unstrukturiert. Ich merke, wie mir der Tagesrhythmus fehlt. Stündlich erhalte ich News über das Virus. Das Wetter ist wunderschön, meine Mitbewohner und ich unternehmen jeden Tag etwas zusammen, was wir sehr geniessen. Die ganze Welt scheint sich langsamer zu drehen, ich finde dieses Gefühl wunderbar. Endlich kann ich mal schlafen, wann und wie lange ich will. Endlich haben wir mal richtig Zeit, miteinander zu reden, ohne gleich wieder zum nächsten Termin rennen zu müssen. Obwohl ich kaum etwas fürs Studium mache und nicht die ganze Zeit Dinge erledige, fühle ich mich gut, ich bin sogar richtig froh um diese Ausnahmesituation! Mir ist klar, dass der Grund, weshalb unser Alltag so auf den Kopf gestellt wurde, kein schöner ist, dass viele Menschen am Virus sterben werden und dass es für viele Familien, Alleinerziehende und im Gesundheitswesen Arbeitende eine schwierige Zeit wird, aber ich bin trotzdem froh darum, dass dies hier gerade geschieht.
Wenn ich so darüber nachdenke, können wir uns glücklich schätzen: Es hätte ein viel tödlicher Virus sein können, der nicht nur die älteren Personen und die bereits Kranken gefährdet, sondern wie damals die Spanische Grippe vor 102 Jahren auch reihenweise junge Menschen ins Grab bringt. Hätte der Bundesrat das Virus auch so auf die leichte Schulter genommen wie ich und viele andere, hätte es uns viel härter getroffen. Wir können froh sein, einen so kompetenten Bundesrat hinter uns zu haben!

Ich sehe das Virus als Chance, sich wieder mehr Zeit nehmen zu können für sich und seine Liebsten.
Ich sehe es als Chance, der Kreativität wieder einmal freien Lauf lassen zu können.
Ich sehe es als Chance, zu merken, über was für Nichtigkeiten wir uns sonst immer beschweren.
Ich sehe es als Chance, das Wesentliche im Leben wieder zu erkennen und in den Alltag einzubauen.

Lasst uns Zuhause bleiben, um die Schwachen zu schützen.
Lasst uns das Beste aus der Situation machen und das Positive an der Situation geniessen.
Sicherlich werden wir viel daraus für unser Leben lernen.